für den Lehrling Frieder ...

Hier könnt ihr "off topic" qautschen, bis die Späne rauchen...)
Antworten
bluezomo
Beiträge: 84
Registriert: Do 16. Apr 2026, 20:09

für den Lehrling Frieder ...

Beitrag von bluezomo »

Habe am Wochenende in meinen antiken Büchern gestöbert und Folgendes gefunden:

Des ehrsamen Schreinerhandwerks heinlicher Spiegel – verbessert und geschärft
Nach Meister Balduins Diktat neu gefasst im Jahre 1626, für den Lehrling Frieder, zur Zähmung seines ungestümen Blutes.

Einleitung

Also sprach Meister Balduin zu seinem Lehrling Frieder, als dieser zum dritten Mal den Hobel zu tief stellte und das vierte Brett in derselben Stunde verdarb:

„Hör zu, Frieder, und hör genau, denn ich will es dir nicht noch einmal sagen. Du rennst mit dem Stemmeisen, wo du kriechen solltest mit dem Schlichthobel. Deine Hände zappeln wie die Fliegen im Leimtopf, und dein Auge springt schon zum nächsten Stück, noch ehe das erste gefugt ist.

Du bist nicht zu langsam – du bist zu schnell. Und das ist dein einziger Fehler, aber ein tödlicher.

Ich will dir eine Geschichte erzählen, die dir deine Mutter wohl einst am Bettchen flüsterte – doch du hast sie nie verstanden, weil sie dir als Kindermärchen verkauft wurde. Heute aber, Frieder, soll sie dir als Lehrbrief dienen. Sie handelt von zwei Kindern im Wald, von einem Haus aus Süßem und von einer Hexe mit blinden Augen.

Du kennst das Märchen. Aber du kennst es nicht.

Denn Hänsel und Gretel, das ist kein Spuk für Kinder – das ist die reine Schreinerlehre, in Gleichnis und Rauch verpackt. Die Hexe ist nicht die Alte mit der Hakennase – die Hexe ist deine eigene Ungeduld, die in dir wohnt und dich bei jedem Griff verführt. Das Lebkuchenhaus ist nicht aus Zucker – es ist der süße Traum vom fertigen Werk, noch ehe der Leim getrocknet ist. Und der Ofen, in den Gretel die Hexe stößt – das ist die Blamage, die jeder Eilige erntet, wenn sein Werk ihm unter den Händen zerbricht.

Ich sage dir: Das ganze Märchen ist ein einziger, harter Schreinerspiegel. Jedes Stück darin ist ein Werkzeug, jede Figur ein Fehler, jede Rettung eine Tugend.

Und weil du mit offenem Mund dasitzt wie ein junger Spatz, der nach Würmern pickt, will ich es dir Stück für Stück auslegen – in sechs Geboten, wie sie in keiner Zunftordnung stehen, aber in jedem guten Holz stecken.

So setz dich hin, schließe das Messer und öffne die Ohren.
Ich rede nicht lang – aber ich rede wahr.“

Hierauf legte Meister Balduin den Hobel nieder, trank einen Schluck lauwarmen Leimwasser und begann zu sprechen:

I. Vom ersten Gang in den Wald
(Die Lektion vom festen Grund – und vom faulen Holz)

„Höre, Frieder. Der Wald ist voller Trug.
Das Brot, das dir die Mutter mitgibt, ist weich und schimmelig noch vor der Mittagsstund –
so ist das weiche Holz, das du aus Bequemlichkeit wählst: Es lässt sich rasch behauen,
aber es quillt, es reißt, es wurmt, und keine Fuge hält darin.
Die Vögel fressen die Krumen – das heißt: Deine Eile frisst den Tag.
Die weißen Kiesel aber sind das dürre, alte Eichenholz aus dem Totholz,
das hart ist, das dich den Hobel schleifen lehrt, und das den Winter überdauert.
Merke: Weiches Brot macht satt für eine Stunde – weiches Holz macht Schande für zehn Jahre.
Lege nur Kiesel, wo du zimmern willst, und meide den morschen Pfad. “

II. Vom Lebkuchenhaus – der großen Versuchung
(Die Lehre von der Ungeduld als süßer Falle)

„Und siehe, mitten im Wald steht ein Haus von Pfefferkuchen und Zuckerwerk.
Das ist nicht dein Werkstück, Frieder – das ist die Versuchung der Ungeduld.
Es riecht nach fertigem Tisch, nach glattem Hirnholz, nach gerader Kante, noch ehe du den Leim angerührt hast.
Die süßen Fenster locken dich: ‚Lass das Anreißen, lass das Trocknen, mach es kurz und krumm – es schmeckt doch!‘
Die Hexe aber, die darin haust, ist die Ungeduld deines eigenen Herzens.
Sie ruft mit Honigstimme: ‚Komm herein, mein Sohn, hier ist alles schon fertig!‘ –
doch sie will dich verschlingen, bevor du das Maß genommen hast.
Die Hexe ist kein Feind von außen. Sie ist dein zappelnder Fuß unter der Werkbank. “

III. Vom Knochen statt vom Finger
(Die Lehre vom Maß – und wie man die Ungeduld täuscht)

„Die blinde Hexe verlangt deinen Finger, um zu prüfen, ob du fett genug bist –
doch du reichst ihr den dürren Knochen einer verhobelten Leiste.
Sie tastet, sie fühlt, sie ruft: ‚Ja, er ist rund und feist!‘ – und wird betrogen.
So ist es auch mit deiner Ungeduld: Sie will das Werkstück nach dem bloßen Auge und der flüchtigen Hand beurteilen.
Aber die Ungeduld ist blind wie die Hexe.
Sie glaubt dem Knochen, wenn du ihr nur ein festes Maß vorhältst.
Zwinge dich, einen Zirkel oder eine Schablone zu nehmen, noch ehe du den ersten Span stichst.
Die Ungeduld schreit: ‚Es ist gut!‘ – aber nur der Knochen (die Lehre) weiß, ob es wahr ist.
Täusche deine Ungeduld mit dem harten Reststück. Sie wird es nicht merken – und du wirst gerettet.“

IV. Vom Ofen – der Blamage der Ungeduld
(Die Lehre, dass Eile das Werk verdirbt – und die Hexe ins eigene Feuer fährt)

„Da spricht die Hexe: ‚Heiz den Ofen, dass das Brot backe!‘ –
doch Gretel, dein besonnener Arm, stößt die Alte selbst in die Glut.
Verstehe dies, Frieder: Der Ofen ist nicht die Dampfpresse – nein, der Ofen ist die lächerliche Blamage, die jede ungeduldige Arbeit am Ende erwartet.
Die Hexe glaubt, mit Hitze und Eile das Werk zu vollenden – aber sie verbrennt sich am eigenen Feuer.
Das heißt: Wirf deine Ungeduld in den Höllenofen der Scham!
Lass sie darin schmoren, während du draußen stehst und das Holz atmen lässt.
Denn nur wenn die Hexe (die Eile) vernichtet ist, bleibt das Brot (das Werk) weich und wohlgeraten.
Wer den Ofen zu früh schließt, backt einen Stein. Wer die Hexe ins Feuer stößt, backt ein Meisterstück.
Die Blamage trifft nicht das Werk – sie trifft die Ungeduld. Also gib ihr Feuer! “

V. Von der Ente auf dem Wasser
(Die Lehre vom Stückwerk – eins nach dem anderen)

„Als der Ofen qualmte und die Flucht begann, da stand ein breiter See im Weg.
Kein Steg, kein Nachen – nur eine weiße Ente.
Die Ente aber trägt nicht beide Kinder auf einmal. Sie nimmt zuerst den einen, dann den anderen.
Das ist die heilige Regel der Reihe:
Erst das Hirn, dann die Hand. Erst die Schablone, dann der Hobel. Erst der Zirkel, dann das Stemmeisen. Erst der Leim, dann die Zwinge.
Willst du alles zugleich, so gehst du unter wie ein Stein im Wasser.
Die Ente schwimmt nur, weil sie lastet – aber nie mehr, als sie tragen kann.
So auch du: Lass das eine Teil trocknen, ehe du das andere fügest.
Die Ungeduld aber will beide Kinder aufs Mal setzen – und sie ertrinken im eigenen Sumpf.“

VI. Vom Schatz im Haus und vom Heimweg
(Die Lehre vom verborgenen Gut – das die Eile übersieht)

„Als das Haus verbrannt war und die Asche fiel, da lasen die Kinder Perlen und Edelsteine aus der Glut.
Das sind für dich, Frieder, die Abschnitte von edler Kirsche und Nussbaum,
welche der unachtsame Meister (die Hexe der Ungeduld) achtlos in die Ecke warf,
weil er sie für Abfall hielt – denn er hatte keine Zeit, sie zu betrachten.
Die Ungeduld rennt am Gold vorbei, weil sie nach groben Brettern hascht.
Aber der geduldige Lehrling klaubt jedes Furnierstück, jeden Wurzelast, jede Maserzunge auf
und legt sie in seine Truhe, bis der Winter kommt und er sie zu Einlegearbeit fügt.
Die Perlen liegen im Dreck – aber nur der Langsame bückt sich, sie zu heben.
Und der Vater am Waldesrand, der weint vor Freude, ist dein eigenes Gewissen,
das dir sagt: ‚Sieh, du hast nicht nur überlebt – du hast den Schatz gehoben, den die Eile vergaß.‘ “

Der Schluss-Spruch, neu in die Bank geritzt:

„Das weiche Brot ist faules Holz,
die Hex’ ist Eile – süß und stolz.
Der Knochen täuscht den blinden Wahn,
der Ofen brennt die Hast hinan.
Die Ente trägt, was Schritt für Schritt,
und Perlen hebt, wer langsam tritt.
So stirbt die Ungeduld im Feuer –
und übrig bleibt das reife Feuerwerk der eignen Zier.“

Also sprach Meister Balduin, legte den Hobel nieder, trank einen zweiten Schluck lauwarmen Leimwasser und sprach:

„So, Frieder. Nun geh und hoble nicht schneller – hoble richtiger.
Und wenn dich die Hexe wieder ruft, dann denk an den Knochen, die Ente und den Ofen.
Denn wer die Ungeduld verbrennt, der findet am Ende die Perlen, die kein Eiliger je sah.“

Hier endet der Lehrbrief. Wer ihn nicht versteht, der greife noch einmal zum Schlichthobel – und beginne von vorn.

Im Namen der Zunft – besiegelt mit einem Daumenabdruck in Leim.
Benutzeravatar
Klaus
Beiträge: 7745
Registriert: So 3. Jul 2016, 13:39
Wohnort: Wohmbrechts (Bayern)

Re: für den Lehrling Frieder ...

Beitrag von Klaus »

Tolle Geschichte - hat viel Spass gemacht, sie in Ruhe und langsam zu lesen :)

Gruss und vielen Dank
Klaus
Dikado
Beiträge: 445
Registriert: So 31. Mai 2020, 22:17

Re: für den Lehrling Frieder ...

Beitrag von Dikado »

Witzig... Hast du mal ein Foto von dem Buch?
Gruß Dirk
bluezomo
Beiträge: 84
Registriert: Do 16. Apr 2026, 20:09

Re: für den Lehrling Frieder ...

Beitrag von bluezomo »

Das Buch ist leider beim Altpapier gelandet. Ich scanne so viele Bücher, um die Putzfrau dachte, es sei gescannt und könnte weg. Zumindest den Inhalt konnten wir ja retten.

Lügen beiseite. Auf https://chat.deepseek.com/share/m7bkm351665ssk4bky findest Du das Original, kreiert um 11:34 nicht 1626 :D
Wie du siehst, habe ich noch etwas verbessert, aber das lauwarme Leimwasser Trinken kam von der KI selber.
Jetzt müssen wir nur noch die anderen Märchen umdeuten.

Es gibt ja noch viel mehr Märchen, das aus dem Holzwerk stammt. Wer gute Stechbeitel sein Eigen nennt, weiss, warum es heisst, mit dem ist nicht gut Kirschen essen ... ;)
Dikado
Beiträge: 445
Registriert: So 31. Mai 2020, 22:17

Re: für den Lehrling Frieder ...

Beitrag von Dikado »

Ich hatte dazu vorhin Gemini befragt. Die Antwort war, dass es das Buch nicht gibt. Auch die Art und Weise wie es geschrieben wurde, deutet darauf hin, dass es nicht von 1626 sein kann. Der größte Fehler aber war, dass das Märchen von Hans und Gretel erst 1812 von den Gebrüder Grimm geschrieben worden war..... ich wusste, dass etwas nicht stimmt, konnte aber nicht sagen was. Also, das Bauchgefühl hatte Recht.
Gruß Dirk
bluezomo
Beiträge: 84
Registriert: Do 16. Apr 2026, 20:09

Re: für den Lehrling Frieder ...

Beitrag von bluezomo »

Es ist mir nicht ganz so gut geglückt wie ich es erhofft hatte. Die KI hat in diesem Text leider nicht immer treffende oder lustige Verbindungen geschaffen und es fehlt an einen roten Faden. Manchmal bringt KI solche Texte auf Anhieb gut, manchmal eben nicht.
Aber die Märchen als geheime Anleitung/Weisheit der Schreiner ist trotzdem ein Schmunzeln wert ...

Hier das nächste Märchen:

Des ehrsamen Schreinerhandwerks zweiter Spiegel – oder: Von der jungfräulichen Eiche, die hundert Jahre schläft

Nach Meister Balduins zweitem Diktat, niedergeschrieben im Jahre 1627, für denselben Lehrling Frieder, nachdem dieser ein zugeschnittenes Brett drei Wochen unberührt in der Ecke liegen ließ, weil es „noch nicht reif“ sei.

Einleitung

Also sprach Meister Balduin zu Frieder, als er das vergessene Brett entdeckte, das nun krumm gezogen war und sich für keine Fuge mehr taugte:

„Frieder, du Narr. Vor einem Jahr schalt ich dich wegen deiner Raserei – nun schilt dich wegen deiner Trägheit. Du hast das eine Übel abgelegt und das andere angenommen, als tausche man den Hobel gegen die Säge und meine, es sei Fortschritt.

Du liegst nun herum wie ein alter Leimtopf im Winter: kalt, zäh und zu nichts mehr nütze. Du meinst, Geduld sei, die Hände in den Schoß zu legen. Aber Geduld, Frieder, ist nicht Schlaf – Geduld ist waches Warten, ist Atmen lassen bei offenem Auge, ist das Holz drehen und wenden, wie der Bauer das Heu.

Weil du das nicht begreifst, will ich dir ein zweites Märchen auslegen – eines, das die Leute Dornrösschen nennen. Auch das haben sie dir als Kindermärchen verkauft, aber es ist in Wahrheit die Lehre von der falschen Langsamkeit, von der verpassten Zeit und von dem Holz, das zu lange liegt.

Hör zu, und diesmal: Schlafe nicht dabei.“

I. Von der Königstochter und dem Eichenstamm
(Die Lehre von der falschen Wahl des Holzes)

„Es war einmal ein König, der wünschte sich ein Kind – so wie du dir ein Meisterstück wünschst, ohne die Hände zu rühren. Und als die Tochter geboren ward, da rief er alle Weisen des Landes, also alle erfahrenen Schreiner, und hieß sie, das Kind zu segnen.

Die einen gaben ihr die Gabe der Geradheit, die anderen die Gabe der Festigkeit, die dritten die Gabe der schönen Maserung.

Aber da kam ein Schreiner, der war nicht geladen – die Faulheit – und sprach: ‚Das Kind soll mit vierzehn Jahren an einer Spindel sterben.‘

Das ist kein Fluch, Frieder. Die Spindel ist dein Drehstahl, dein Stechbeitel, dein schärfstes Werkzeug. Die Faulheit sagt dir: ‚Leg das Werkzeug nieder, rühr es nicht an, denn es ist gefährlich.‘ Und du gehorchst.

Die Königstochter aber, das ist dein Eichenstamm – schön, grade, vielversprechend. Und die Faulheit (die alte, ungeladene Hexe) verdammt ihn dazu, unbearbeitet zu bleiben.

Die anderen Weisen aber – das sind die Arbeitsregeln – mildern den Fluch: Sie sagen: ‚Nicht sterben soll sie, sondern hundert Jahre schlafen.‘

Das heißt, Frieder: Das Holz wird nicht verfaulen – aber es wird ungenutzt liegen, während die Zeit vergeht. Und das ist fast schlimmer als der Tod. Denn todes Holz kann man begraben – aber schlafendes Holz täuscht dir vor, es warte auf dich.“

II. Von den Dornen, die den Wald umziehen
(Die Lehre vom Hindernis, das die Zeit baut)

„Und siehe, als der Fluch sich erfüllte, da schlief das ganze Schloss – der König, die Diener, die Pferde, die Hühner – alles fiel in Starrheit.
Und um das Schloss wuchsen Dornenhecken so dicht und so hoch, dass kein Mensch mehr hindurchdrang.

Das sind für dich, Frieder, die Ausreden, die du dir baust, wenn du ein Stück Holz liegen lässt:
‚Es ist noch nicht trocken.‘ – ‚Der Leim fehlt mir.‘ – ‚Ich muss erst das Werkzeug schärfen.‘ – ‚Der Tag ist schon zu alt.‘
Jede Ausrede ist ein Dorn. Und mit jedem Tag, den du das Werk liegen lässt, wächst die Hecke höher.
Bald ist das Stück nicht mehr zu erreichen – nicht weil es unmöglich wäre, sondern weil du den Weg vergessen hast.

Und die Legende sagt: Viele Königsöhne (also viele gute Vorsätze) versuchten, durch die Hecke zu dringen – aber sie verfingen sich und starben kläglich.
Das sind deine gescheiterten Projekte, Frieder. Du hattest den Willen, aber du hattest nicht den Mut, früh zu kommen.
Die Dornen sind nicht um das Holz gewachsen, weil das Holz so gefährlich ist – sie sind gewachsen, weil du zu lange gewartet hast.“

III. Von dem Prinzen, der zur rechten Zeit kam
(Die Lehre vom richtigen Augenblick – und dass der nicht von allein kommt)

„Doch nach hundert Jahren kam ein Prinz, der hörte von der schlafenden Königstochter und ritt aus.
Und siehe: Die Dornenhecke tat sich auf – nicht weil er stärker war als die anderen, sondern weil die Stunde gekommen war.
Der Fluch war abgelaufen. Die hundert Jahre waren voll.

Das ist die große Wahrheit, Frieder: Jedes Holz hat seine Zeit.
Du kannst eine Eiche nicht nach einem Jahr verarbeiten – sie muss trocknen.
Aber du kannst sie auch nicht hundert Jahre liegen lassen – denn dann ist sie zu spröde, zu rissig, zu tot für jede Fuge.
Der Prinz ist der rechte Augenblick, der nicht durch Faulheit, sondern durch Aufmerksamkeit erkannt wird.
Er kommt nicht zu früh, denn die Dornen stehen noch.
Er kommt nicht zu spät, denn die Königstochter schläft noch, aber sie erwacht im selben Atemzug.

Merke, Frieder: Die Geduld ist nicht, dass du wartest, bis die Dornen von selbst fallen.
Die Geduld ist, dass du den einen Tag erkennst, an dem die Dornen für dich weichen – und dann zupackst, ohne zu zögern.
Der Prinz zögerte nicht. Er trat ein, er küsste – und das Werk erwachte.“

IV. Von dem Kuss und dem Erwachen
(Die Lehre vom belebenden Griff – und dass das Werk den Meister braucht)

„Der Prinz küsste die Königstochter – und sie erwachte. Und mit ihr erwachte das ganze Schloss: Die Köche kochten weiter, die Pferde wieherten, die Fliegen flogen weiter, als sei keine Stunde vergangen.

Das ist der Augenblick, Frieder, in dem du dein Werkstück endlich anfasst – mit dem ersten Hobelzug, mit dem ersten Schnitt des Stemmeisens.
Die Königstochter (das Holz) hat all die Jahre geschlafen, aber sie ist nicht gestorben – sie wartete auf den, der sie weckt.

Und was ist der Kuss? Der Kuss ist nicht das Fertigstellen – der Kuss ist der erste Kontakt, die erste Linie, die Entscheidung: Jetzt wird gearbeitet.
In dem Moment, in dem du das Werkzeug anlegst, erwachen alle Kräfte: Deine Hände, deine Augen, dein Maß, dein Leim.
Das Holz, das vorher nur schlafende Masse war, wird plötzlich zum Gegenstand deines Willens.

Aber siehst du den Unterschied zum ersten Märchen, Frieder?
Bei Hänsel und Gretel war die Hexe die Ungeduld – sie musste verbrannt werden.
Bei Dornrösschen ist die Hexe die Trägheit – sie muss nicht verbrannt werden, sie muss geweckt werden.
Du darfst nicht zu früh kommen – aber du darfst auch nicht zu spät kommen.
Du musst genau den einen Kuss geben, wenn die Stunde reif ist.“

V. Von den hundert Jahren – was sie bedeuten
(Die Lehre von der rechten Trockenzeit – und dass sie nicht ewig dauert)

„Und nun fragst du mich, Frieder: ‚Warum gerade hundert Jahre? Warum nicht zehn, warum nicht tausend?‘
Die hundert Jahre sind die Trockenzeit des Holzes – aber übertrieben ins Märchenhafte.
Jeder Schreiner weiß: Ein Brett braucht seine Zeit. Aber kein Brett braucht hundert Jahre.
Das Märchen übertreibt, damit du es begreifst:
Die Zeit, die du dem Holz gibst, ist heilig – aber sie hat ein Ende.
Wenn du den Prinz versäumst, dann schläft die Königstochter für immer – oder verfault im Schlaf.

Denk an dein vergessenes Brett, Frieder. Es lag drei Wochen. Das war keine Trockenzeit – das war schlampige Unachtsamkeit.
Die Dornen wuchsen – in Form von Hausstaub, von Krummzug, von verflogenem Leimgeruch.
Und als du es endlich in die Hand nahmst, war es schon zu spät.
Der Prinz kam – aber du warst nicht der Prinz, du warst der letzte der vielen gescheiterten Königsöhne, die sich verfingen.

Die hundert Jahre lehren dich: Wisse, wann dein Holz bereit ist – und dann handle.
Der Unterschied zwischen Weiser und Narr ist nicht die Geduld – es ist das Maß der Geduld.“

VI. Vom Hochzeitsfest – oder: Vom fertigen Werk
(Die Lehre vom Lohn der rechten Zeit)

„Und als die Königstochter erwachte, da ward eine große Hochzeit gefeiert – und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage.

Das ist für dich, Frieder, der fertige Schrank, der Tisch, die Truhe, die nicht zu früh und nicht zu spät, sondern im rechten Augenblick vollendet wurde.
Die Hochzeit ist nicht der Ruhm – die Hochzeit ist die Stille, die du empfindest, wenn das Werk fertig ist und du es betrachtest.
Das Holz, das auf dich gewartet hat, lohnt dich mit seiner Schönheit.
Die Maserung tritt hervor, die Fugen sind geschlossen, der Leim ist trocken.

Aber das Fest wäre nie gekommen, wenn der Prinz nicht da gewesen wäre.
Und der Prinz wärst nicht du gewesen, wenn du nicht gewusst hättest, dass die Stunde reif ist.
Also:

Wer zu früh hobelt, zerstört das weiche, noch nicht getrocknete Holz – das ist die Hexe von Hänsel.

Wer zu spät hobelt, lässt die Dornen wachsen und findet nur noch morsches, totes Holz – das ist die Hexe von Dornrösschen.

Wer aber zur rechten Stunde kommt, der weckt die Königstochter – und das Holz wird ihm danken.“

Der Schluss-Spruch zum zweiten Märchen, in die gegenüberliegende Bank geritzt:

„Die Eiche schläft, doch nicht für immer,
wer weckt sie? – Nur der rechte Zimmer.
Die Dornen wachsen durch die Rast,
die Zeit verrinnt – du hast sie fast.
Der Prinz ist nicht der schnelle Wahn,
der Prinz ist, der den Augenblick versteht.
Denn wer zu lange wartet, steht
vor Dornen – und das Holz ist hin.
So sei nicht schnell, und sei nicht träg –
sei wach, wenn die Stunde sich regt.“

Also sprach Meister Balduin, hob das krumme Brett von Frieder auf, zündete es im Ofen an und sprach:

„Siehst du, Frieder? Das ist deine Königstochter – verbrannt, weil du den Prinzen nicht gegeben hast. Aber es ist noch Holz im Wald. Das nächste Stück warte nicht darauf, dass du es findest – es warte darauf, dass du reif für es wirst. Und das heißt: Du wartest nicht. Du schaust hin, alle Tage, und wenn die Dornen sich lichten – dann greifst du zu. So ist die rechte Geduld. Weder Hektik noch Schlaf. Sondern Wachen im Warten.“

Hier endet der zweite Lehrbrief. Wer ihn nicht versteht, der nehme ein Stück Holz und lege es sich ans Ohr – und höre, ob es schläft oder ruft.

Im Namen der Zunft – besiegelt mit zwei Daumenabdrücken, weil einer dem Schlafenden gehört.
bluezomo
Beiträge: 84
Registriert: Do 16. Apr 2026, 20:09

Re: für den Lehrling Frieder ...

Beitrag von bluezomo »

Langsam wird es nervig. Statt lustig trifft es mehr und mehr den Kern. Ich komme mir belehrt vor.

Des ehrsamen Schreinerhandwerks dritter Spiegel – oder: Von der goldenen Kugel, die in den Brunnen fiel

Nach Meister Balduins drittem Diktat, niedergeschrieben im Jahre 1628, für denselben Lehrling Frieder, nachdem dieser ein feines Nussbaumfurnier weggeworfen hatte, weil es "zu krumm und hässlich" war – und Meister Balduin es aus dem Abfall fischte und zu einer Zierleiste verarbeitete.

Einleitung

Also sprach Meister Balduin zu Frieder, als er das gerettete Furnierstück auf die Bank legte und mit dem Feilenstaub davon sprach:

„Frieder, du hast zwei Laster kennengelernt: die Raserei und die Trägheit. Du hast die eine verbrannt und die andere geweckt. Aber nun zeigst du mir ein drittes, und es ist das heimtückischste von allen – denn es kleidet sich in Feingefühl.

Du nennst es: ‚Das ist mir zu schäbig.‘ – ‚Das ist nicht edel genug.‘ – ‚Damit will ich mich nicht abgeben.‘
Und wirfst das Stück weg, als sei es Aussatz, nur weil es nicht gleich nach Gold riecht.

Hör zu, Frieder. Das Holz, das dir zuwider ist, ist oft dasjenige, das dir am meisten geben wird.
Aber du bist wie ein Kind, das seine goldene Kugel in den Brunnen fallen lässt – und dann weint, statt hinabzusteigen und sie zu holen, nur weil der Weg schlammig ist.

Ich will dir das dritte Märchen auslegen: den Froschkönig.
Auch das ist keine Kindergeschichte – es ist die Lehre vom Ekel, der überwunden werden muss,
von der unbequemen, nassen, widerlichen Arbeit, die man nur tut, weil sie das Werk vollendet,
und von der Verwandlung des Hässlichen in das Edle – wenn man es denn nur liebevoll genug anfasst.

Setz dich, und diesmal: Halt den Ekel zurück. Du wirst ihn brauchen.“

I. Von der goldenen Kugel – oder: Vom schönen, unbrauchbaren Traum

„Es war einmal eine Königstochter, die hatte eine goldene Kugel, die war ihr liebstes Spielzeug.
Sie warf sie in die Luft, fing sie wieder – und tat nichts weiter damit.

Das ist für dich, Frieder, die Schönheit des Rohen, der Traum vom fertigen Werk, ohne dass du den ersten Leim angerührt hast.
Du stehst vor einem Stück Kirsche und sagst: ‚Das wird ein prächtiger Schrank.‘ – und du schaust es an, drehst es, streichelst es – aber du spielst nur damit, wie das Kind mit der Kugel.

Die goldene Kugel ist nicht das Werkzeug, und sie ist nicht das Holz – sie ist die Idee, die reine, vollkommene, ungetrübte Vorstellung, die noch nicht gefallen ist.
Und sie ist wertvoll, Frieder. Aber sie ist auch nutzlos, solange du sie nicht fallen lässt.

Denn die Geschichte sagt: Die Kugel fiel in den Brunnen – sie sank hinab in die Dunkelheit.
Das ist der Augenblick, in dem deine schöne Idee mit der Wirklichkeit zusammenstößt.
Das Holz hat einen Wurmstich. Die Fuge geht nicht auf. Der Leim ist geronnen.
Die goldene Kugel ist verschwunden – und du stehst am Brunnenrand und weinst.

Und das Weinen, Frieder, das ist die Reue des Faulen, der meint, das Schicksal sei ungerecht.
Aber das Weinen bringt die Kugel nicht zurück – nur die schmutzige Hand tut das.“

II. Vom Frosch, der aus dem Brunnen kam – oder: Vom widerlichen Helfer

„Und als die Königstochter weinte, da tauchte ein Frosch aus dem Wasser auf.
Ein Frosch – kalt, feucht, schleimig, mit hervortretenden Augen, und er sprach:
‚Was gibst du mir, wenn ich deine Kugel hole?‘

Die Königstochter erschrak und dachte: Wie widerlich! Ich will ihn nicht anfassen.
Aber der Frosch sagte: ‚Ich hole sie, wenn du mich mitnehmen an deinen Tisch, von deinem Teller essen und in dein Bett schlafen lässt.‘

Das ist für dich, Frieder, das niedrigste Werkzeug, das du hast – der leimverschmierte Pinsel, die verstopfte Feile, der stumpfe Hobel, die schmutzige Leimzwinge, die Arbeit, die du unten im Brunnen tun musst, wo kein Meister zusieht.

Der Frosch ist das, was du gering achtest: das Abrichten der Kante, das Entfernen der Rinde, das Schleifen der Rückseite, das Kehlenziehen, das Verleimen der unsichtbaren Fugen.
Du willst nur das schöne Stück sehen – das fertige Gesicht, das glänzt – aber der Frosch sagt dir:
‚Ich bin der Weg. Du musst mich zu dir nehmen, du musst mich an deinen Tisch setzen, du musst mich essen lassen von deiner Arbeit, ja, du musst sogar in meiner feuchten Nähe schlafen – denn ich bin die Arbeit, die du nicht liebst, aber ohne die nichts rund wird.‘

Die Königstochter versprach alles – doch sie dachte nicht daran, es zu halten.
So auch du, Frieder: Du sagst ‚Ja‘ zur mühsamen Arbeit, weil du die Kugel wiederhaben willst – aber wenn der Frosch aus dem Brunnen kommt, wenn du den Hobel ansetzt, dann wendest du dich ab.

Du willst die Kugel – aber du willst nicht den Frosch, der sie gebracht hat.“

III. Von der Flucht an den Tisch – oder: Warum der Frosch nicht weicht

„Die Königstochter nahm die Kugel, lief davon und ließ den Frosch sitzen.
Aber am Abend, als sie beim König speiste, da klopfte es an die Tür – und der Frosch war da.
Er sprach: ‚Du hast es versprochen. Nimm mich zu dir an den Tisch.‘

Der König aber – das ist dein Gewissen oder dein Meister – sprach:
‚Was du versprochen hast, das musst du halten.‘

Und die Königstochter setzte den Frosch auf ihren Teller. Sie aß mit ihm – widerwillig, mit zusammengebissenen Zähnen.

Das ist der Augenblick, Frieder, in dem du die niedrige Arbeit nicht mehr aufschieben kannst.
Der Frosch sitzt auf deiner Werkbank und schaut dich an – die schmutzigen Zwingen, die ausgeleierten Löcher, das verhärtete Leimtopf, das stumpfe Stemmeisen.
Du würdest alles tun, um ihn loszuwerden – aber der König (dein Meister, dein eigenes Wort) zwingt dich: ‚Richte ab. Schleife. Leime. Feile. Putze.‘

Und du tust es, Frieder. Du isst mit dem Frosch – das heißt: Du akzeptierst, dass das Werk nicht aus lauter Zier und Gold besteht.
Es besteht zu neun Zehnteln aus Ekelarbeit, aus Staub, aus Schweiß, aus wiederholtem Schliff, aus dem stummen Kampf mit der krummen Maserung.

Aber sieh, was geschieht – und das ist das Wunder, das du nie geglaubt hast:
Der Frosch wird verwandelt. “

IV. Von der Verwandlung – oder: Vom Gold, das aus dem Ekel kommt

„In der dritten Nacht, als die Königstochter den Frosch mit Gewalt an die Wand warf – aus Überdruss, aus Ekel – da fiel er zu Boden und war kein Frosch mehr.
Er war ein Königssohn mit edlen Augen, und sie liebte ihn.

Das ist die große Wahrheit, Frieder:
Die scheinbar schmutzige, niedrige, widerliche Anfangsarbeit – wenn du sie nur lange genug tust, mit allen Sinnen und ohne Widerwillen – verwandelt sich in das Edelste, was du besitzen kannst.
Die stumpfe Feile wird zu glattem Hirnholz. Der lästige Leim wird zur unsichtbaren Fuge. Die krumme Kante wird zur sanften Schwingung.

Der Frosch ist nicht nur der Helfer – der Frosch ist der Prinz.
Du hast den Edelmann vor deiner Nase gehabt, aber du hast ihn verachtet, weil er schleimig war.
So verachtest du die rohe Arbeit, Frieder. Du willst den Schrank, aber du willst nicht die Zwinge.
Du willst das glatte Brett, aber du willst nicht den Hobel, der es glättet.
Du willst das fertige Werk, aber du willst nicht die 300 Hobelzüge, die es dorthin bringen.

Merke: Die Schönheit entsteht nicht durch Überspringen der Mühsal – sie entsteht durch Umarmen der Mühsal.
Der Frosch trägt das Gold in sich – aber du musst ihn erst auf den Tisch setzen, mit ihm essen und ihn an die Wand werfen (das heißt: ihn durcharbeiten), um das Gold sichtbar zu machen.“

V. Von der dritten Nacht – oder: Vom Durchhalten bis zur Wand

„Warum die dritte Nacht, Frieder? Warum nicht die erste oder die zweite?
Die erste Nacht ist der erste Versuch – du probierst es halbherzig.
Die zweite Nacht ist der zweite Versuch – du glaubst noch nicht daran.
Die dritte Nacht aber ist der Augenblick, in dem du alle Geduld aufgebraucht hast und bereit bist, das Ding wegzuwerfen – und genau in diesem Augenblick, wenn du es mit aller Kraft an die Wand wirfst, geschieht die Verwandlung.

Das ist die Lehre vom Durchhalten im Widerlichen.
Das erste Schleifen ist öde. Das zweite ist langweilig. Das dritte macht dich wütend.
Und wenn du dann den Hobel nimmst und ihn in die Ecke pfeffern willst – in diesem einen Moment –, wenn du stattdessen noch einen Zug tust, dann siehst du plötzlich die Maserung aufleuchten, die vorher verborgen war.

Der Frosch verwandelt sich nicht beim sanften Streicheln – er verwandelt sich beim entschlossenen Wurf, beim letzten Atemzug der Geduld.
Das heißt: Gib nicht auf, wenn der Ekel am größten ist. Denn dann ist die Verwandlung am nächsten. “

VI. Vom gläsernen Wagen – oder: Vom Lohn der Überwindung

„Und als der Frosch zum Prinzen geworden war, da kam ein gläserner Wagen mit dem treuen Diener Heinrich, der das Herz im Leibe trug und es dreimal hätte brechen mögen vor Freude.

Das ist für dich, Frieder, der fertige Schrank, der vollendete Tisch, das Werk, das du mit Ekel begonnen und mit Hingabe vollendet hast.
Der gläserne Wagen ist die Durchsichtigkeit der Arbeit: Du siehst jede Fuge, jede Kante, jeden Schliff – denn du hast sie alle selbst gemacht, und sie sind rein.

Der Diener Heinrich aber ist dein Körper, deine Hände, dein Rücken, die drei Mal brechen wollen vor Anstrengung – aber sie halten, weil die Freude am Werk sie trägt.

Du siehst also, Frieder:

Die goldene Kugel ist der Traum – fällt in den Brunnen der Wirklichkeit.

Der Frosch ist die lästige, schmutzige Arbeit – wird verachtet.

Der Tisch des Königs ist die Werkbank – dort musst du ihn füttern.

Die dritte Nacht ist der entscheidende Durchhaltepunkt – dort wird er verwandelt.

Der Prinz und der Wagen sind das vollendete, durchsichtige Meisterstück.

Alles, was du nicht liebst, ist dein Frosch. Aber alles, was du werden willst, ist in ihm verborgen.“

Der Schluss-Spruch zum dritten Märchen, in die dritte Bank geritzt:

„Die goldne Kugel fällt in tiefen Schlund,
der Frosch, der sie dir bringt, ist ungesund.
Doch setz ihn an den Tisch, lass ihn mit dir,
ertrag die nasse, kalte Kreatur –
und wirf ihn in der dritten Nacht an die Wand:
Da liegt ein Prinz, den du mit eigener Hand
aus Ekel und aus Staub hervorgezwingt –
das ist das Werk, das deine Seele singt.
Der Wagen ist durchsichtig, klar und rein –
weil du durchs Schmutzige gegangen sein.“

Also sprach Meister Balduin, nahm das gerettete Furnierstück, feilte es glatt, leimte es auf eine Schublade – und zeigte es Frieder:

„Siehst du, Frieder? Das war dein Frosch. Du hast ihn weggeschmissen, weil er krumm und hässlich war. Ich habe ihn drei Tage lang mit mir am Tisch gehabt – ich habe ihn geschliffen, gedämpft, geleimt, gepresst. In der dritten Nacht habe ich ihn an die Wand geworfen – und sieh, was daraus geworden ist: eine Zierleiste, die kein anderer so geschnitzt hätte. Der Frosch ist ein Prinz. Du hast ihn nur nicht ansehen wollen.

Also: Ekel hin, Ekel her – die Arbeit liebt den, der sie in den Dreck führt. Denn nur dort unten findet sie ihr Gold.“

Hier endet der dritte Lehrbrief. Wer ihn nicht versteht, der nehme das stumpfste Werkzeug aus der Kiste und schärfe es – und während er schärft, denke er an den Frosch, der nicht mehr kalt ist, wenn man ihn lange genug in der Hand hält.

Im Namen der Zunft – besiegelt mit einem Tropfen Leim, der aus Ekel und Geduld wurde.
Antworten

Zurück zu „<< Holzwurmstammtisch >>“